Kolonialismus, Krieg und Diktatur – Gewalterfahrungen im Historischen Erzählen der deutschsprachigen Literatur nach 1945
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Diese versucht eine humanistische Gegengeschichte zur ‚großen‘, von den Mächtigen proklamierten Sicht auf die Geschichte und die Gewalt in ihr darzustellen, wie sie sich von ihren geschichtlichen Anfängen bis ins 20. Jahrhundert hinein immer wieder und auch in den verschiedenen Kulturen gezeigt hat, mit der Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten aber ein monströses Ausmaß erreichte, für die Peter Weiss 1965 in seinem Dokumentartheaterstück „Die Ermittlung. Ein Oratiorium in 11 Gesängen“ und in seinem Essay „Meine Ortschaft“ Möglichkeiten der Darstellung und des Erinnerns gesucht hat.
Gegen Gewalt, politische Unterdrückung und soziale Ausbeutung, die für den Marxisten Weiss aus der globalen kapitalistischen Wirtschaftsweise resultierte, soll eine widerständige, eine Gegen-Geschichte der Erinnerung, des Eingedenkens und der Befreiung erzählt werden. Für deren Offenlegung, Verdeutlichung und Ermöglichung bedarf es für Weiss der Werke der Kunst und Literatur. Wichtige Beispiele sind der Pergamon-Fries im Berliner Pergamon-Museum, Dante Aligheris „Göttliche Komödie“, Théodore Géricaults „Das Floß der Medusa“ oder Pablo Picassos Gemälde „Guernica“. Die Kunstwerke enthalten Momente, Potenziale, Energien, Aussagen, die – als eine Ästhetik, einer Kunstlehre in ihren Praktiken des Widerstands – diese Gegendarstellung zur Geschichte entfalten lassen. So wird die Handlung des Romans, die den Werdegang sozialistischer Widerstandskämpfer in der NS-Diktatur zeigt, immer wieder durchbrochen von detaillierten Auseinandersetzungen mit Kunstwerken und literarischen Texten, die diese auf ihren geschichtlichen Gehalt an der Möglichkeit zur Darstellung und Praxis politischen Widerstands hin befragen.
Unsere Textauswahl widmet sich einigen dieser zentralen Passagen zur Bestimmung der Kunst und ausgehend von ihnen der Frage, wie sich mit ihnen und ihrer Reflexion Geschichte erzählen lässt.
Lothar van Laak
Textgrundlage:
Weiss, Peter: Die Ästhetik des Widerstands. Roman, 5. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2021.
Bei Peter Weiss werden Kunst- und Bildbeschreibungen aktiv gegen die Herrschenden und den Faschismus eingesetzt, in deren (Um-)Deutung und ästhetischer Erfahrung sich das politische Programm einer „Ästhetik des Widerstands“ entfaltet.

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Resistenzpotential der Kunst
Lesen Sie den Beginn des Romans Die Ästhetik des Widerstands, (S. 9-32) in dem der antike Pergamon-Altar durch den Ich-Erzähler beschrieben wird. Jürgen Schutte sieht in der „beschreibende[n] Aneignung des Frieses ihren programmatischen Charakter“ und einen „aktualisierenden Umgang mit den überlieferten Kunstwerken in der ÄdW, die es immer neu auszulegen gilt“ (2018, S. 106).
Überlegen und diskutieren Sie, auf welche Weise und durch welche ästhetischen und literarischen Strategien das ‚Resistenzpotential‘ (Hofmann 1990, S. 40) der Kunst(betrachtung) in der Beschreibung des Pergamon-Altars zum Ausdruck kommen könnte.
Welche Rolle spielt dabei die Intermedialität zwischen Bild und Text?
Um sich eine bessere Vorstellung vom Pergamon-Altar machen zu können, besuchen Sie die 3D-Darstellung des Altars, die im Auftrag des Pergamonmuseums in Berlin vom Fraunhofer Institut angefertigt wurde. Einen kurzen Film dazu finden hier.

Pergamon-Altar und politisch-ästhetisches Programm
Versuchen Sie, die Beschreibung des Pergamon-Altars unter der Perspektive von Weiss‘ politisch-ästhetischem Programm nachzuvollziehen.
Inwiefern ließe sich die „umgestülpte“ Aufstellung des Frieses auf das Motiv der „Umkehrung“ als Deutungsmuster für den Roman beziehen?
Schreiben Sie anhand Ihrer gesammelten Überlegungen einen Text (1000 Wörter).
Arbeiten Sie dabei mit Jürgen Schuttes „Register zur Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss“ (2018), in dem die Künstler und Kunstwerke in der ÄdW alphabetisch aufgelistet und erläutert werden, sowie mit der Reclam-Einführung „Peter Weiss“ von Arnd Beise (2002).

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Bilderrätsel
Ordnen Sie Künstler und Titel den Bildern zu.
Welche Bilder sind von Peter Weiss?
Inwiefern ähneln die Bilder sich, worin liegen die Unterschiede?

Kunstwerke in der Ästhetik des Widerstands
Ordnen Sie Künstler und Titel den Bildern zu.
Der Roman „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss ist voller historischer Kunstwerke, die in der ÄdW beschrieben und (um-)gedeutet werden.
Recherchieren Sie den historischen Entstehungskontext der Bilder.
Überlegen Sie, warum Peter Weiss diese Kunstwerke für sein ästhetisch-politisches Programm des ‚Widerstands‘ ausgewählt hat.

Das Floß der Medusa
Lesen Sie nun eine Schlüsselpassage des Romans, die häufig als „Das Floß der Medusa“ (zu Beginn von Band II der ÄdW, S. 453-486) bezeichnet wird
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Darstellungsproblematik
Diskutieren Sie anhand dieser Passage die Darstellungsproblematik des historischen Erzählens, das nicht Realität abbildet, aber auch nicht (nur) Fiktion ist.
Rekonstruieren Sie, auf welche Weise Peter Weiss mit seinen Notizen gearbeitet hat. Greifen Sie dafür auf den Einleitungstext zu Peter Weiss und die CP „Historisches Erzählen in der ÄdW“ zurück.
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Darstellungsweise
Schreiben Sie nun mit Blick auf die Passage „Das Floß der Medusa“ einen kurzen Text (500 Wörter), in dem Sie überlegen, inwiefern das Erzählen im Roman als kollektive Erinnerungsarbeit, auch für die/den Leser:in, funktioniert. Welchen Einfluss hat zum Beispiel die Erzähl-Perspektive auf das historische und erinnernde Erzählen, welchen Herausforderungen begegnet die erzählerische Darstellung von (nicht selbst erlebten) historischen Gewalterfahrungen?
