Kolonialismus, Krieg und Diktatur – Gewalterfahrungen im Historischen Erzählen der deutschsprachigen Literatur nach 1945
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Uwe Johnsons Roman „Jahrestage. Aus dem Leben der Gesine Cresspahl“ erschien in vier Teilen zwischen 1970 und 1983. Der Roman ist ist ein überragendes Geschichts-, Erinnerungs- und Erzählkunstwerk. Er ist ein exemplarischer Text für die Bedeutung und die Möglichkeiten Historischen Erzählens im 20. Jahrhundert; ja noch mehr – wie sich in den aktuellen Debatten um die politischen und kulturellen Verpflichtungen aus der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts und um die weltpolitische Situation der Gegenwart und die historischen Bedingtheiten ihrer drängendsten Fragen zeigt – auch für das 21. Jahrhundert. Es ist ein Text zur Literatur der Gegenwart, so wie Uwe Johnson auch die unmittelbare Gegenwart seiner Zeit aufgreift: Die globale Konfrontation des Kalten Krieges, die Rassenunruhen in den Vereinigten Staaten, die Revolte von 1968 und die Proteste gegen den Vietnamkrieg. Diese Gegenwart wird immer wieder mit verschiedenen Vergangenheit(en) zusammengebracht, wie bereits die ersten Seiten des Romans verdeutlichen. Dieser Erzählansatz bedeutet auch, dass Johnson seinen Erzähler wie auch die Figuren in den Sprachgebrauch seiner erzählten Zeit eintaucht. Im Roman verwenden die Figuren deshalb Formulierungen, die wir heute als rassistisch bezeichnen. So wird beispielsweise unmarkiert und unkommentiert das N-Wort genutzt.
Der Roman wirft zentrale Fragen auf: Was ist (unsere) ‚kleine‘ und ‚große‘ Geschichte? Wie prägt die ‚große‘ Geschichte die Welt des einzelnen Menschen? Wie können wir diese Geschichten erzählen und durch Weitererzählen an die Gegenwart vermitteln? Uwe Johnsons „Jahrestage“ entwerfen in einem komplexen Arrangement erzählend und erzählerisch Antworten darauf, doch nicht als fertige Lösungen, sondern als eine fragende Haltung in einem letztlich offen bleibenden Erzählvorgang.
Dieser ist auf verschiedenen Zeitebenen angesiedelt und vollzieht sich in wechselnden Konstellationen. Auf zeitlicher Ebene ist es die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert – die nationalsozialistische Diktatur, die unmittelbare Nachkriegszeit von West- und Ostdeutschland und der frühen Bundesrepublik bis zum Jahr 1968. Mit der Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen der Warschauer Pakt-Staaten endet der Roman.
Auf struktureller Ebene wird sowohl in als auch zwischen verschiedenen Generationen erzählt. Der ‚Erzähler‘ des Romans ist der von Gesine Cresspahl beauftragte „Genosse Schriftsteller“, der zusammen mit Gesine für ihre Tochter Marie die Familiengeschichte in den geschichtlichen und politischen Zeitläuften erzählt und aufzeichnet, „für wenn ich [Gesine] tot bin“ (Eintrag vom 7. Oktober 1967).
Erzählt wird in einem Prolog-artigen, die Erzählerstimme einführenden Eingangstext und 366 Tageseinträgen im Kalender der Jahre 1967 und 1968. Aus ihnen haben wir eine überschaubare Zahl ausgewählt, um in den Text hineinzufinden. So können Sie sich der Fülle des erzählten Materials nähern und – wie wir hoffen – angeregt werden, nach und nach den ganzen Roman zu lesen und sich so mit den Fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit des Erzählens von Geschichte auseinanderzusetzen.
Lothar van Laak
Textgrundlage:
Johnson, Uwe: Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl, 1.-4. Teil, 4. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2021.
In dem interaktiven Zeitstrahl finden Sie Informationen zu fiktiven Figuren des Romans und einige historische Daten, die im Roman eine Rolle spielen.

Lektüre
Wir verweisen im Folgenden auf die Tageseinträge und verzichten auf Seitenangaben, um unterschiedlichen Ausgaben nutzen zu können.
Lesen Sie nun die folgenden Tageseinträge der Jahrestage, die insbesondere den erzählerischen Rahmen bilden:
Jahrestage (=JT) Vorspann, JT 20.12.1967, JT 20.4.1968, JT 20.8.1968, Last and Final
Die Passage um den 9.11.:
31.10. bis 10.11.67
Weitere Textstellen zu der Zeit des nationalsozialistischen Deutschlands, der DDR (SBZ), USA, und CSSR:
22.-28.12.1967
17.-20.1.1968
2.-4.2.1968
30.3.-2.4.1968
21.4.68
7.-11.5.68
17.5.68
31.5.-2.6.68
12.6.68
26.6.68
29.6.68
2.7.68
9.-13.7.68
20.-21.7.68
27.7.68
2.8.68
7.8.68
Als Einführung sei das JT-Kapitel in der Reclam-Einführung „Uwe Johnson“ von Michael Hofmann (2001) empfohlen.
Auch der digitale JT-Kommentar der Uwe Johnson-Gesellschaft erweist sich als ausgesprochen hilfreich und sinnvoll zur Erschließung von Johnsons umfang- und voraussetzungsreichem Text.
Der interaktive Zeitstrahl hilft bei der zeitlichen Verortung von historischen Ereignissen im Roman.
Informieren Sie sich auch über die Entstehungsgeschichte der DDR/SBZ unter folgendem Link der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb):

Historische Ereignisse in den Jahrestagen
Schauen Sie sich exemplarisch die Tageseinträge um den Zeitpunkt der Reichspogromnacht/-kristallnacht und des Prager Frühlings im digitalen JT-Kommentar an, um einen ersten Eindruck über die historischen Kontexte im Roman zu erhalten.
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Historisches Erzählen bei Johnson
Diskutieren Sie anhand eines Tageseintrags oder mehrerer Tageseinträge in der Gruppe, wie das ‚historische‘ Erzählen bei Johnson durch die Verwebung von Tageseinträgen, Aufzeichnungen und Meldungen der New York Times funktioniert.
Wie wird die Geschichte von Gesine Cresspahl erzählt? Welche Figuren und Erzähler-Figuren gibt es?
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Arbeits- und Erzählweise Johnsons
Zeigen Sie anhand eines ausgewählten Tageseintrags oder mehrerer aufeinanderfolgender Tageseinträge exemplarisch die Arbeits- und Erzählweise Johnsons. Schreiben Sie darüber einen kurzen Text (500 Wörter).
Verwenden Sie für Ihre Argumentation den digitalen JT-Kommentar. Zur Orientierung können Sie sich hierzu auch den interaktiven Zeitstrahl zum Roman anschauen.
